Das Kirchendorf Gammelstad, Gammelstads Kyrkstad, wurde 1996 zum UNESCO Welterbe erklärt.

Geschichte
Gammelstad in Schwedisch Lappland war vor 1000 Jahren eine Insel im Mündungsdelta der Lule. Die wenigen Menschen der Nordbottnischen Kulturgruppe die hier lebten, ernährten sich von Fischfang und Jagd, später kam die Rentierzucht dazu.
Die Kirche bildete das politische und kulturelle Zentrum der weit verstreut lebenden Menschen. Nach dem Frieden von Nöteborg 1323, kam es zwischen Schweden und Russland immer wieder zum Streit um die Grenzziehung im Norden. Das heutige Norrbotten wurde ins schwedische Reich eingegliedert. Die Kirche entsandte Priester und lies einfache Holzkirchen bauen.
Im 14. Jahrhundert war die Kirche auch für administrative Aufgaben, wie Steuern und Volkszählungen, zuständig. In der heutigen Zeit hätte man ein Rathaus gebaut. Anfang des 15. Jahrhunderts begann man mit dem Bau einer Steinkirche.
Im 15 Jahrhundert wurde durch einen Erlass bestimmt, dass Handel nur noch in Städten erlaubt war. 1621 wurde Lulea an der Stelle des Handelsplatz gegründet. Doch bereits 1649 erkannte man, dass der Hafen immer mehr durch die skandinavische Landhebung verlandete. Deshalb wurde Lulea 10 km flussabwärts, da wo es sich heute befindet, neu gegründet. Gammelstad ist also die Altstadt von Lulea. Vor 1000 Jahren lag Gammelstad noch 10 m niedriger.
Kirchendorf Gammelstad – Gammelstads Kyrkstad

Christoffer, unser Guide vom Visitor Center zeigte uns ein Modell von Gammelstad im 13. Jahrhundert.
Die Fläche des Pfarrei von Gammelstad betrug 90.000 km², also größer als das heutige Österreich. Manche Kirchenbesucher brauchten mehrere Tage um hierher zu kommen. So wurde jedem Bauern, der mehr als 10 km entfernt wohnte, das Recht zugestanden hier ein Cottage zu errichten. Rund um die Kirche befinden sich heute ca. 400 kleine Häuser
An Feiertagen kam die ältere Bevölkerung zusammen, um den Gottesdienst zu feiern, Handel zu betreiben und soziale Kontakte zu pflegen. Während dieser Zeit durften sie in den von ihnen errichteten Häusern übernachten. Ein ständiger Wohnsitz ist in diesen Häusern nicht gestattet. Im Sommer kommen für den Konfirmationsunterricht die Jugendlichen hierher, oft auch in der Absicht einen Partner fürs Leben zu finden.
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Mehr InformationenChristoffer erzählt uns, dass in dieser Zeit die Mädchen an den Fenstern der Cottages sitzen und dann von jungen Männern angesprochen werden. Alles natürlich unter der strengen Aufsicht der Eltern. Insofern hat sich Kirchendorf von Gammelstad als Heiratsmarkt heraus kristallisiert, da es oft die einzige Möglichkeit bietet, sich kennen zu lernen.
Uns ist der kulturelle Unterschied zu manchen Gegenden in Deutschland, wie z.B. der Eifel, aufgefallen. In Deutschland haben sich die Dörfer Jahrhunderte lang gegen einander abgeschottet und angefeindet. Dies führt dazu, dass in den meisten Dörfern heute drei Familiennamen vorherrschen. Man ist unter sich geblieben. In Schweden ist das nicht so.
Rundgang

Wir beginnen unseren Rundgang bei der Kirche. Die Ummauerung ist nur durch zwei Pforten unterbrochen.
Schießscharten zeugen davon, dass die Kirche auch für Verteidigungszwecke genutzt wurde.

Der geschnitzte Flügelaltar wurde 1520 in Antwerpen gefertigt und von der bäuerlichen Bevölkerung bar bezahlt.
900 Silbermark, eine riesige Summe, die aber vom Wohlstand der Bevölkerung zeugt. Er zählt zu den schönsten des Landes.

Die Kanzel und die Gedenktafeln wurden von Nils Jakobsson Flur Anfang des 18. Jahrhunderts hergestellt.
Die Orgel mit 4200 Pfeifen wurde 1971 eingeweiht. Sie wurde von der Orgelbauerei Grönlunds in Gammelstad gebaut.


Südlich der Kirche steht der mächtige Gemeindespeicher. Zuerst wurden hier die Steuern entrichtet und später wurde er als Lager für die Aussaat genutzt.
Gegenüber befindet sich das Gemeindehaus, Versammlungsort und Gefängnis.

An manchen Häusern sind große Enterhaken befestigt. Christoffer erklärt uns, die dienen der Brandbekämpfung. Die Gefahr, dass ein Holzhaus in Brand gerät ist naturgemäß sehr groß.
Eine Feuerwehr gab es nicht, also musste man sich selbst helfen. Mit den Enterhaken wurden brennende Holzteile heruntergerissen und dann hat man versucht das Feuer zu ersticken oder zu löschen.

Vorbei an einem mächtigen Ziehbrunnen, der vermutlich für die Wasserversorgung des Kirchendorfs von Gammelstad zuständig war, gehen wir weiter zu Häuschen Nr. 253 in Framlänningsvägen. Es ist im Sommer für Besucher geöffnet.

Eine junge Frau erklärt uns die Einrichtung und wie sich hier das Leben abgespielt hat. Die Einrichtung ist schlicht gehalten, aber es gibt alles notwendige für das tägliche Leben. Herd, Waschstelle,
Bett und Tisch decken bereits die Bedürfnisse ab. Dazu kommt manchmal ein Schrank und eventuell eine Couch.

Es sind nur wenige hundert Meter durch eine wunderschöne Kulturlandschaft zu unserer nächsten Station.

Freilichtmuseum Hägnan

Satte Wiesen, lebensfrohe Tiere, Spielplätze und Besucher, vor allem mit Kindern, lassen alte Zeiten wieder auferstehen.
Da es um die Mittagszeit ist, bekommen wir zuerst eine Mahlzeit. Es gibt hervorragenden schwedischen Gravad Lachs.

Danach erwartet uns bereits Marita, die Seele des Freilichtmuseums. Sie zeigt uns das Haus, das vermutlich einer ortsansässigen Familie gehörte.

Neben umfangreichen Kücheninventar gibt es sogar einen Webstuhl.

Marita möchte uns das tägliche Leben näher bringen. Deshalb dürfen wir Butter herstellen. Butter war in der damaligen Zeit so wertvoll wie Geld.
Vom Erlös leistet man sich einen gewissen Luxus, z.B ein Silberbesteck. Andere bauten in ihren Häusern Fenster nach hinten und oben ein.

Beim Butter stampfen zeigen sich die ungeplanten Probleme im Tagesablauf. Der Stößel ist locker und die Butter wird nicht fest. Erst als dieser notdürftig repariert ist, gelingt es zu aller Zufriedenheit. Inzwischen dürfen andere das Salz reiben.
Als nächstes wird das typische schwedisches Brot hergestellt. Der Backofen ist bereits vorgeheizt und auf Betriebstemperatur. Eifrig und unter großem Spaß wird geknetet, geteilt und gewalzt. Bei der Handhabung des Brotes im Backofen kann jedoch niemand die Routine von Marita erreichen.

Man merkt Marita an, dass sie für das Dorf und vor allem für das alte Leben schwärmt. Sie lädt uns dann noch in ihr Häuschen ein.
Wir nehmen die Einladung dankend an. Sie zeigt, wie sie hier lebt und erzählt uns vom Alltag im Kirchendorf Gammelstad.

Sie hat unser selbstgebackenes Brot mitgebracht. Wir genießen es mit Butter zu einer Tasse Kaffee.

Besonders stolz ist Marita auf die Lage ihres Hauses. Durch das Fenster überblickt sie den gesamten Kirchenvorplatz und ist somit über sämtliche Geschehnisse im Kirchdorf Gammelstad informiert.
Während unseres Aufenthalts in Lulea haben wir im Clarion Hotel Sense übernachtet.
Ein weiteres Highlight im Kirchdorf Gammelstad > Live cooking im Restaurant Kaptensgarden
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Vielen Dank an Christoffer vom Besucherzentrum von Gammelstad und Camilla von Visit Luleå, die uns an diesem Tag begleitet und wohlbehalten chauffiert hat. Unser besonderer Dank geht an Marita vom Hägnan-Museum für die Einladung in ihr eigenes Kirchenhäuschen.
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