Tallinn und das Internet
Auch wenn unser Aufenthalt in Tallinn nur kurz war, so haben wir dennoch einen kleinen Eindruck von der Stadt erhalten. Das mittelalterliche Stadtbild ist nach wie vor vom Deutschen Orden und der Hanse geprägt. Fast hat man den Eindruck sich in einer deutschen Stadt zu befinden. Allerdings ist Russisch häufiger zu hören als Deutsch.
Allerdings wollen wir auch ein wenig vom Land kennenlernen, wenn auch unsere Möglichkeiten sehr beschränkt sind. Nächste Station auf unserer Reise ist Riga in Lettland. Wir haben schon vor Reiseantritt gehört, dass man hier besser nicht mit dem Zug fährt. Unsere Recherchen im Internet führen uns zu einem Unternehmen, dass sich auf die Strecke Tallinn – Riga spezialisiert hat, es ist tallinrigabus. Sie versprechen eine Fahrt in einem Kleinbus und machen unterwegs mehrere Stopps, um ein wenig vom Land zu zeigen. Wir erkundigen uns bei der Tourismus-Information und tatsächlich reservieren sie uns telefonisch zwei Plätze im Bus. Treffpunkt ist am nächsten Tag vor der Tourismus-Information. Wir sind noch etwas skeptisch, da wir keinerlei schriftliche Zusage haben, aber es klappt alles wunderbar. Am nächsten Tag kommt der Bus wie angekündigt und nimmt uns auf.
Vielleicht funktioniert alles deswegen so problemlos, da man in Estland größten Teils zugunsten des Internets auf den Schriftverkehr verzichtet. Mit Behörden wird ausschließlich über das Internet kommuniziert. Das mittelalterliche Stadtbild von Tallinn steht in völligem Widerspruch zu dem innovativen Verhalten im Internet. Estland gilt als das im Internet innovativste Land in der Europäischen Union. Estland ist führend bei e-Government und bei e-Residency. Bereits früher hat sich Estland hervorgetan: Skype ist ein estnisches Produkt.
Tallinnrigabus
Das Unternehmen fährt täglich die Strecke Tallinn nach Riga und natürlich auch zurück. Eine Fahrt dauert 12 Stunden und es sind 6 Stopps eingeplant. Im ersten Teil zeigen wir die Strecke von Tallinn bis Valga, das an der Grenze zwischen Estland und Lettland liegt.

Unser Bus wird von Olga Loitsenko, einer sehr jungen Fahrerin gefahren, die ausgezeichnet Englisch spricht. Auf unsere Frage, wo sie das gelernt hat, erklärt sie uns, dass sie Englisch im Fernsehen gelernt hat.
In Estland werden viele Filme in englischer Originalsprache ausgesendet und nur mit Untertitel versehen. Dadurch lernen viele junge Menschen auf diesem Weg die Sprache.

Wir erfahren auch, dass es in Estland zwei unterschiedliche Arten von Einwohnern gibt. Es gibt Bürger und Nichtbürger. Als Nichtbürger wird die russisch sprechende Minderheit bezeichnet.
Sie können sich nur nach einem Sprachtest einbürgern lassen und bekommen dann einen estnischen Pass. Der Sprachtest soll sehr schwierig sein. Allerdings können die Nichtbürger visafrei nach Russland und nach Estland reisen.

Als wir losfahren passieren wir in Tallinn auch das Schnitzelhaus, in dem wir zum Essen waren, Das Essen ist sehr empfehlenswert. Die Wirtin hat ein Jahr in Bayern gearbeitet und der Koch ist Bayer. Leider haben wir ihn nicht kennengelernt.
Die Wirtin haben wir aber gefragt, ob sich die Esten heute als Europäer fühlen. Nach einer Verlegenheitspause meinte sie eher nicht. Früher haben die Russen hier bestimmt, heute ist es die EU. Die Antwort hat uns doch etwas nachdenklich gestimmt. Wenn man aus dem Baltikum nach Militärpräsenz ruft, dann hört sich alles etwas anders an.
Viljandi (Fellin)
Die ersten 160 km führen hauptsächlich durch flaches Land. Weite Wald- und Wiesenabschnitte kennzeichnen die Region. Uns fallen die Erzählungen ein von Vertriebenen aus Schlesien, die sich nach dem 2. Weltkrieg hier durchschlagen mussten. Viele Kinder waren allein gestellt und konnten nur überleben, da ihnen die Bauern Arbeit und eine Unterkunft gaben, bis sie wieder einen Abschnitt weiter ziehen konnten.
Dann erreichen wir Viljandi.

Große rote Erdbeeren aus Beton prägen das Straßenbild. Sie weisen den Weg zum Kondas-Zentrum für naive Kunst. Das Zentrum ist dem naiven Maler Paul Kondas benannt, der durch sein Gemälde „Die Erdbeeresser“ berühmt wurde.
Erste Siedlungsspuren in Viljandi sind bereits 7000 Jahre alt, doch die erste schriftliche Erwähnung erfolgte 1154. 1224 wurde hier eine mächtige Ordensburg errichtet, die zeitweise als die größte des Baltikums galt. Anfang des 17 Jahrhundert wurde sie im Polnisch-Russischen Krieg weitestgehend zerstört.

Bevor wir die Reste der Burg erreichen stoßen wir auf das Reiterdenkmal von Johan Laidoner. Er war Oberbefehlshaber der nationalen estnischen Streitkräfte im Estnischen Freiheitskrieg von 1918 bis 1920.
Er verhinderte einen kommunistischen Putschversuch 1924 und stützte das autoritäre Regime von Präsident Päts von 1934 bis 1940. Dadurch verhinderte er eine faschistische Machtübernahme, jedoch wurden die individuellen Freiheitsrechte stark eingeschränkt.
1940 wurde er nach der Besetzung durch russische Truppen vom sowjetischen Innenministerium verhaftet. Er starb nach dem Aufenthalt in verschiedenen russischen Gefängnissen 1953 im Gefängnis von Wladimir bei Kirow. Vielen Esten gilt er als Patriot und Freiheitskämpfer.
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Mehr InformationenGegenüber seinem Denkmal wurde eine Freilichtbühne errichtet, auf der jährlich das international bekannte „Viljandi Folk Music Festival“ stattfindet.

Danach überqueren wir auf der Hängebrücke von Viljandi ein 15 m tiefes Tal, um die Reste der Burg zu erreichen. Die Brücke wurde 1879 von der Fa. Felser & Co in Riga für den den Graben in Tarvastu hergestellt.
1930 schenkte Karl von Mesenkampff die Brücke der Stadt Viljandi. Sie ist 50 m lang und wurde zu einem wichtigen Symbol der Stadt.
Während der Besichtigung der Reste der Burg überzieht ein Schauer die Landschaft, so dass wir in einem alten Gemäuer Zuflucht suchen müssen.
Gemeinde Helme
Nächste Station sind die Sandsteinhöhlen von Helme. Doch bevor wir sie erreichen überrascht uns auch hier ein Regenschauer. So sehen wir auch hier nur die Reste einer alten Burg.

Valga
Wir beschließen umgehend nach Valga weiterzufahren.

In der Ortsmitte machen wir einen kurzen Stopp bei der Schule, die gerade renoviert wird. Eine Teilnehmerin unserer Busfahrt hat hier ihre Jugend verbracht.

Danach bekommen wir ein köstliches Mittagessen im Hotel Metsis. Präparierte Tiere aus Russland und Afrika zeugen von der Jagdleidenschaft des Hotelbesitzers.

Am Ortsausgang überqueren wir die Grenze nach Lettland.
Bitte lesen Sie weiter > Von Tallinn nach Riga – Teil2
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